greskewitz | kleinitz | galerie

Ein Mann springt vom 100. Stock eines Hochhauses.
Im Flug sagt er sich immer wieder:
Bisher ist doch alles gut gegangen!

Wenn man die Einleitung als Lebensmetapher benutzt, fliege ich gerade am 64. Stockwerk meines persönlichen Hochhauses vorbei.
Seit dem Absprung habe ich eine Umsiedlung von Polen nach Deutschland hinter mich gebracht (89. Stock), meinen ersten und einzigen Slamdunk-Contest bei einem provinziellen Basketballturnier gewonnen (83. Stock), ein überdurchschnittliches Abitur an einem durchschnittlichen Gymnasium in einer unterdurchschnittlichen, da frauenlosen Mathe-Physik-Klasse abgelegt (80. Stock), einen akzeptablen ersten Marathon gelaufen (71. Stock) und schließlich doch noch das Studium des Wirtschaftsingenieurwesens erfolgreich abgeschlossen (69. Stock), was von allen Beteiligten mit einem Seufzer der Erleichterung quittiert worden ist.

Nach weiteren zwei Stockwerken von Großraumbüros, Powerpoint-Präsentationen und versäumten Sonnentage gelangte ich zu der Einsicht, dass ich an jedem Stockwerk nur einmal vorbei fliegen darf, da ich keinen Fallschirm trage!

In diese Erkenntnis mischte sich eine außerordentlich starke Erinnerung an ein früheres Erlebnis, viel mehr an ein erlebtes Gefühl. Ein Gefühl, das mich bei einem Besuch des MoMa-NY überwältige. Umgeben von all den grandiosen Kunstwerken durchflutete mich ein komplexes Gemisch aus Bewunderung, Ehrfurcht, Ehrgeiz und Glück. Hieraus entstand in mir der unbändige Wunsch irgendwann ein Gemälde zu schaffen, das ähnlich starke Emotionen beim Betrachter hervorrufen könnte.

Auf einmal war sie verschwunden, …die Existenzangst. Am 67. Stockwerk kündigte ich meinen Job, kaufte Farben und begann zu malen. Und solange mein Fall nicht durch einen Balkon, einen Fenstersims oder einen anderen unerwarteten Vorsprung unsanft verkürzt wird, habe ich laut meiner Rechnung noch 64 Stockwerke, um als Maler besser zu werden. An diesem lebenslangen Lernprozess ist jeder Betrachter meiner Bilder mein Zeuge, mein Rückgalt, mein Gegenwind, meine Kritik, mein Publikum und meine Motivation.

Auch wenn ich nicht weiß, ob mein Talent schließlich ausreicht, um das oben gesteckte Ziel bis zum Aufprall zu erreichen, bin ich mir einer Sache sicher, -dass ich immer malen werde!

Gregor Kalus